Die Wikipedisierung von Newsseiten

Wird die Homepage also überflüssig?“, fragt meedia.de-Korrespondent Jens Schröder in seiner Analyse aktueller Entwicklungen beim Internet-Traffic. Unter der Headline “Die Unwichtigkeit der Homepage” schreibt er: “In Anfangszeiten des Internet war die Homepage das Aushängeschild einer journalistischen Website. Über sie kam das Publikum und wurde zu den Artikeln, in die Ressorts und zu anderen Inhalten weitergeleitet. Doch heute gibt es Google, Facebook, Twitter und RSS. Folge: Große Teile der Nutzerschaft großer Nachrichten-Websites sehen die Homepage überhaupt nicht mehr, sondern landen direkt bei den Artikeln, die sie interessieren. Wird die Homepage also überflüssig?”

Die Analyse ist richtig, die Kernfrage ebenfalls, nur das Fazit hackt. Die Homepage verliert nicht an Bedeutung. Denn man muss unterscheiden zwischen – ich nenne es einmal – Medienmarken-Traffic und Themen-Traffic. Natürlich nimmt die Zahl der Internet-Nutzer zu, die nach einem bestimmten, meist aktuellen Thema suchen. Sie nutzen dazu Suchmaschinen und landen direkt auf den entsprechenden Meldungsseiten. Diese Art von Traffic wird noch weiter zunehmen und führt dazu, dass viele Newsseiten immer mehr Ressourcen in die Realisierung von themengetriebenen Landing-Pages steckten. Denn dieser Traffic wird nur dann angezogen, wenn die Seiten über eine hohe Suchmaschinen-Attraktivität verfügen. Udn das führt zu einer Art Wikipedisierung von Newsseiten.

Trotzdem fällt damit die Bedeutung der Homepage nicht. Denn auch künftig werden Nutzer – ganz so wie ich es mit vielen Medien-Webseiten ebenfalls tue – mehrmals täglich oder einmal die Woche – je nach dem – auf der Homepage bestimmter Medien vorbeischauen, um sich einen schnellen Nachrichtenüberblick zu verschaffen. Oder um zu erfahren, was diese Medien gerade anbieten, worüber sie berichten, wie sie das gewichten etc. Hier gewinnt die Homepage eher noch an Wichtigkeit: Als Aushängeschild (wie Jens Schröder ja auch richtig schreibt), aber auch als “Verkaufsfläche”, als Seite, welche die journalistische Qualität, den Anspruch, die Haltung, Aktualität und letztendlich das Image der Marke transportiert und vermittelt. Nur die Bedeutung als Traffic-Flaschenhals wird die Homepage verlieren.

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Der semantische Mensch Oder: Ich bin meine Tagcloud

Von der Semantik erfahren wir, dass sich die Bedeutung eines Begriffs dadurch ergibt, welche anderen Begriffe mit diesem Begriff in Beziehung stehen oder in seinem Kontext auftauchen. Wahrscheinlich gilt das mittlerweile auch für uns Menschen – zumindest für unsere Namen. Nachschauen kann man dies mit Personen-Suchmaschinen wie etwa 123people.de oder yasni.com. Beide bündeln nicht nur Links und damit alle Stellen und Veröffentlichungen im Internet auf denen oder in denen unser Name auftaucht. Sie filtern daraus auch die häufigsten Begriffe und basteln damit eine persönliche Tagcloud zusammen. “Die Begriffe in der Tagcloud zeigen die mit einem Namen im Internet am häufigsten in Verbindung stehenden Attribute. Je größer ein Wort, desto relevanter ist es“, berichtet Wikipedia.

In ihrem Karriereblog beschreibt Svenja Hofert letzte Woche in dem Post “Ich bin ein offenes Buch – Sie auch?” die Vorzüge dieser – sagen wir einmal – Semantisierung des Menschen: “Das Internet fördert Dinge zutage, die wir nie für möglich hielten. Zu Guttenberg dachte noch in den Vor-Google-Books-Kategorien, wenn er überhaupt dachte. Die Begriffswolke bei Yasni etwa legt die Eckpunkte eines Menschen dar, und zwar überwiegend sehr treffend. Ich habe das in mehreren Vorträgen mit Unbekannten live ausprobiert. Es fand sich immer etwas, das ins Staunen versetzte.” Der Yasni-Blog zitierte dann diese Stelle.

Verändert diese Tatsache unser Verhalten: wie immer kurzfristig kaum, mittelfristig schon. Denn die Menschen werden beginnen zu überlegen, mit welchen Begriffen sie sich sozusagen im Internet an einen Tisch setzen wollen. Wenn sich um den Namen jedes Menschen “seine” Begriffe sammeln, wird dieser beginnen diese Begriffe, die im Zusammenhang zu seinem Namen stehen, zu optimieren. Wir werden uns etwa fragen, ob wir zu unserer Tagcloud stehen. Oder nicht. Ob wir etwa eine ganz andere wollen. Und wie wir sie bekommen. Oder ob uns nur einzelne Begriffe darin stören – und wie man sie dann wegbekommt.

Man kann an dieser Stelle auch durchaus die Überlegung anstellen, ob Begriffe viel mehr steuern als wir ahnen. Keywords sind die neuen Regale (etwa im App-Store), Keywords steuern User-Ströme und Klickverhalten (etwa bei Suchmaschinen), Keywords entwickeln sich zu Marken und ganzen Programmen (etwa bei Fukushima). Dazu und den Folgen für unsere öffentliche Indentität aber später mehr.

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Gedanken über Peer-Group-Management

Die Headline ist natürlich sehr dramatisch, doch die Tendenz stimmt: Unter der Zeile “Medien verlieren die Kontrolle ans Netz” berichtet die Zeit Online diese Woche über die Studie “The State of the News Media 2011“, die das us-amerikanische Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center jetzt veröffentlicht hat. Die zentrale Erkenntnis: Zunehmend bestimmen Soziale Netzwerke und Aggregatoren, welche Medieninhalte zum Leser kommen. Das kann ja jeder in seinen eigenen Web-Analysen feststellen. Mittlerweile sollen es bereits 40 Prozent der Leser sein, die durch externe Links auf die US-Nachrichtenseiten kommen.

Blogs, Seiten wie Google oder Facebook werden also für die Medienschaffenden nicht nur immer wichtiger, sie verändern auch Vertrieb, Geschäftsmodell und Selbstverständnis. Es geht nicht mehr nur darum, auf Facebook, Twitter, Xing etc. vertreten zu sein und dort mitzuspielen. Denn so wie die Medien gelernt haben Suchmaschinen und ihre Spider zu managen, werden sie sich wahrscheinlich demnächst Gedanken über das Management der wichtigen Peer-Groups auf Social-Media-Plattformen machen.

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Whistleblower-Frontends: Neue Schnittstellen für die Leser

Ob das Wall Street Journal tatsächlich einen Wikileaks-Killer launcht, wie der Businessinsider vermutet, daran kann man zweifeln. Möglicherweise geht es auch gar nicht um Konkurrenz, sondern um Service. Denn immer mehr Medien bauen nun Wikileaks nach – nach Al Dschasira und der WAZ jetzt eben auch das Wall Street Journal.

“WSJ Safehouse” (www.wjssafehouse.com) nennt sich das – wie soll man es bezeichnen? – Feature oder die Microsite. Und ihre Urheber versichern, dass auf Safehouse über eine sichere Verbindung hochgeladene Dokumente ausschließlich von der Redaktion gelesen werden. (Quellen: turi2.de, theatlantic.com)

Nach Social-Media- und Mircoblog-Frontends etablieren Medienmarken nun auch – ich nenne das einmal – “Whistleblower-Frontends” für ihre Leser. Und man kann durchaus die Prognose wagen, dass alle großen journalistisch- und recherche-orientierten Medien solche Features etablieren werden – und diese wahrscheinlich bald zum standardmäßigen interaktiven Set jeder großen medialen Webseite zählen werden. Sozusagen Whistleblowing als Service.

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E-Paper entwickelt sich zum relevanten Newspaper-Kanal

Für viele fristet E-Paper, also die ganz simple digitale Darstellung der gedruckten Seiten in Dokument-Form, als öder kleiner Bruder der multimedial bewegten wie bewegenden Apps eine bescheidene Randexistenz. Zumindest bei Zeitungen scheint das unberechtigt. So meldete paidcontent.org gestern, dass die E-Paper-Auflagen der 25 führenden US-Tageszeitungen um 20 Prozent zugelegt hätten. Ihre Verbreitung liege bei den 25 Titeln jetzt bei 1,63 Millionen Exemplaren. Marktführer ist das “Wall Street Journal” mit 504.000 verkauften E-Papers pro Ausgabe. Damit ist die Umschichtung – nennen wir sie einmal Channel-Diversification – in vollem Gang.

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Applegate und der Post-Privacy-Wahnsinn

War es der französische Philosoph Paul Virilio, der meinte, wer den Hochgeschwindigkeitszug erfindet, erfindet gleichzeitig auch die Hochgeschwindigkeitszug-Katastrophe? Daran erinnert mich – wenn auch natürlich nicht ganz so drastisch – die aktuelle Diskussion um Datenschutz. Denn wer surft – auch wenn er das mobil tut – hinterlässt Spuren. Und diese persönlichen Daten sind sozusagen ein Nebenprodukt des Internet. Wenn das Internet mittlerweile tatsächlich das “Betriebssystem unserer Gesellschaft” ist, wie dies etwa der IBM-Stratege Gunter Dueck sieht, dann fallen hier jede Menge Daten an und immer mehr davon.

Diese Daten haben offenbar einen Wert. Abzulesen an “Applegate” und zig anderen ähnlich gelagerten Fällen in der letzten Zeit, wo Hard- oder Software-Hersteller einen schwunghaften Handel damit begonnen haben. Doch wem gehören diese Daten? Demjenigen, der sie technisch erhebt und speichert? Oder all jenen, die einen Kunden dafür finden. Oder dem, der sie kauft und dafür bezahlt? Oder etwa dem Urheber? (Ein ganz redikaler Gedanke!)

Nun gibt es Leute, die wähnen sich im Post-Privacy-Zeitalter und begründen das etwa mit Wikileaks oder mit Guttenberg oder mit dem “radikalen Recht des Anderen” auf totale Transparenz. Doch für Privatpersonen können nicht die gleichen Regelungen gelten wie etwa für Verwaltungen, Administrationen oder für veröffentlichte oder zu veröffentlichende Doktorarbeiten. Und da die meisten Politiker das Internet immer noch nicht verstanden haben und darin nur ein weiteres und – sagen wir – interaktiveres Werkzeug für ihren Permanent-Wahlkampf sehen, kommt die Idee eines so neuen wie notwendigen Datenschutzes nicht voran.

Machen wirs einfach: Nehmen wir einmal an, jeder könnte sich für selbst entscheiden, welche seiner Internet-, Surf- und Bewegungsdaten er für welche Gegenleistung freigibt – und welche nicht. Nehmen wir weiter an, es gäbe Instanzen, denen man hier trauen könnte. Wäre dies im Interesse der Bürger und der Industrie? Möglicherweise. Denn Software-Hersteller könnten sicher eine ganze Menge von neuen Produkten verkaufen, die helfen diese Daten und die entsprechenden Entscheidungen zu verwalten. Hätte mir Apple etwa ein Tool angeboten, mit dem ich zentral meine Internet-, meine Surf- und Mobilitätsdaten bequem administrieren, schützen, freigeben und damit – sagen wir es salopp – auch dealen kann, ich hätte mir früher ein iPhone zugelegt. Ich würde für so ein Tool sogar bezahlen.

Was wir brauchen ist ein neuer Datenschutz. Denn das Problem wird nicht kleiner, sondern größer – je mehr Bereiche unseres Lebens dieses digitale Gesellschafts-Betriebssystem erreicht. Wer heute seine Daten wirklich schützen möchte, kann dies im Augenblick nur zu dem Preis tun, dass er sich aus dem digitalen Leben abkoppelt. Und das kann nicht unser Interesse sein. Den rechtlichen Rahmen dafür zu schaffen wäre so schwer nicht.

PS: Das diskutierte “Recht des Anderen” kann es gar nicht geben, wenn wir nicht wollen, dass fremde Menschen in unsere Wohnungen eindringen und den Kühlschrank und Schreibtisch durchsuchen dürfen. Selbstredend metaphorisch gesprochen.

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Hervorragender Kommentar von Jörn Schönenborn

Manchmal befürchte ich, wenn man lange genug lebt, wird man automatisch zum USA-Kritiker – oder gar USA-Gegner. Zumindest gefühlt. Das waren jedenfalls meine Eindrücke, als ich gestern Abend die TV-Berichterstattung über – tja, wie soll man sagen? – die Tötung von Osama bin Laden verfolgte.

Ich kann verstehen, dass man nach dem gefährlichsten Terroristen der Welt fahndet, ihn stellt, verhaftet und – falls er sich wehrt und schießt – man zurückschießt. Wenn er dabei getötet wird, dann ist das eben so. Das ist alles richtig und muss so gemacht werden.

Was ich nicht verstehen kann, ist die vor den Fernsehkameras demonstrativ zu Schau gestellte Freude der amerikanischen Politiker und ihres Präsidenten an der Exekution dieses Menschen. Nicht “Wir haben ihn unschädlich gemacht” war die Botschaft, sondern “Wir haben ihn erschossen”. Das ist Rache-Politik.

Erträglicher hat den gestrigen Abend nur der hervorragende Kommentar von Jörn Schönenborn vom WDR gemacht, der einfach die richtigen Worte und Einschätzungen fand.

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